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Silence!

24. 09. 2010, uli

Zwei Mönchen in langen Kutten standen schweigend im Eingang, halb verdeckt von der Tür, aber doch zu sehen. Aha, dachten wir, da kommt was ganz Besonderes auf uns zu. Doch dann setzten sie uns große schwarze Pappmasken auf, damit wir nichts mehr sehen können. In einer langen Polonaise tasteten wir uns Schritt für Schritt durch das Gelände der Schmiede. Den heißen Atem des Hintermanns im Nacken ging es langsam und leise durch die Räume der Alten Saline. Irgendwo hielten wir inne und hörten uns einen repetiven Text an, der niemals zu enden schien und uns wegdriften ließ. Dann ging die Reise weiter. Bis wir vor dem Dynamoraum ankamen und Ohrstöpsel bekamen. Wie Schafe stopften wir uns diese in die Ohren, aus Angst vor zu lauten Tönen. Trappel, trappel und schon wurden uns die Augenbinden abgenommen und wir standen vor einem bizarren Szenario. Stroboskop und Scheinwerfer lieferten sich ein Beleuchtungsduell auf eine umwerfend zombiehafte Hardrock-Band. Mit Instrumenten. Ohne Ton. Im Hintergrund eine Knotenwelt aus Schnüren und Bändern, die in sich zusammenfiel. Ein Teil davon knallte auf das Becken und endlich hatten wir unseren Ton, damit wir etwas anfangen konnten mit der stillen Band, die da vor uns saß.

Reverb.On IV habt ihr „Doldrums“ getauft. Was war denn das?

Gregor Ladenhauf: Der englische Ausdruck „in the doldrums“ bedeutet so viel wie Stillstand. Das kommt von einer Region am Äquator, in der Windstille herrscht. Das Projekt selbst ist die logische Fortsetzung unserer Projektreihe Reverb.On. Im Ansatz beziehen wir uns auf musikalische Konzepte des 20. Jahrhunderts, die waren zum Teil revolutionär und es gibt genug Leute, die davon noch nichts gehört haben. Zuerst führten wir Vexations auf, ein kurzes Klavierstück, das hunderte Male wiederholt wird. Dann kam „Sitting in a room“, da brachten wir den Raum durch Sprache zum Schwingen. Teil drei war unser Drone im Salzbergwerk, also schon nur noch ein Ton. Die logische Folge davon war also kein Ton mehr. Das hatten wir schon lange im Kopf, musikalisch einfach gar nichts mehr zu machen.

Was steckt hinter dem „Nichts“?

Gregor: Der Komponist John Cage hat sich sehr mit der Stille beschäftigt und sich einmal in einem komplett schalldichten Raum eingesperrt. Sogar dort hat er noch gehört und zwar den eigenen Herzschlag und die Töne seines Nervensystems. Er kam also darauf, dass es eigentlich nie ganz still ist. Wir haben sein Stück 4'33'' aufgeführt – Vier Minuten, dreiunddreißig Sekunden Stille, damit auch der Zuschauer realisiert, dass es keine absolute Ruhe gibt. Davon gibt es zahlreiche Interpretationen. Zuerst wollten wir es in jedem Raum der Schmiede bei vollem Betrieb aufführen.

Dann habt Ihr Euch für eine große Inszenierung entschieden und ein großes Geheimnis daraus gemacht.

Gregor: Wenn jemand vorher etwas gewusst hätte, hätte es nicht funktioniert. Die Augen zu verbinden war einerseits eine Hilfe, um sich auf die Ohren zu konzentrieren. Andererseits natürlich auch Performancefaktor.  

Ist es Euch wichtig, die Leute zu unterhalten?

Gregor: Der Erlebnischarakter einer Aufführung ist uns sehr wichtig. Ich persönlich will auch etwas erleben, wenn ich mir etwas anschaue. Etwas, das ich noch nie erlebt habe. Manchen war vermutlich fad, aber wir schauen immer, dass wir einen Twist haben und vor allem, dass es auch ohne Hintergrundwissen funktioniert. Wir versuchen immer, auszuschalten, dass die Leute in dem Moment der Performance reflektieren. Es ist auch schön zu merken, dass die Leute Reverb.On mittlerweile kennen und deshalb zu unseren Performances kommen.

Das mit dem Nicht-Reflektieren war aber schwierig durch die Texte, die Du vorgetragen hast.

Gregor: Die Texte stammen aus einem Buch von Cage, es heißt „Silence“, besteht aus Briefen und Vorträgen. Ich habe Teile aus der „Lecture on nothing“ vorgelesen. Zuerst ging es schon um Inhalt, dann habe ich geflüstert und dann nur noch wiederholt.

Wozu die Skulptur?

Gregor: Cage hatte auch den Ansatz, dass man eigentlich nichts besitzt, ähnlich fernöstlichen Philosophien, mit denen wir uns viel und gern beschäftigen. Jeder will alles besitzen und vor allem behalten, obwohl man`s im Endeffekt ja sowieso nirgends hin mitnehmen kann. Das sollte der Zusammenfall der Skulptur symbolisieren und mein Text dazu, aber ich glaube, den hat keiner mehr wahrgenommen. Zuerst wollte ich einen großen amorphen Knoten durch den ganzen Raum binden. Dazu war aber der Raum zu groß. Wir haben die ganze Woche vor der Aufführung eigentlich damit verbracht, zu schauen, wie wir die Skulptur in einem zusammenfallen lassen können. Das war die größte Herausforderung.

Pannen bei der Geheimhaltung?

Gregor: Oh ja! Zum Beispiel der Drummer, der beim Mittagessen durch die ganze Küche schrie: "Gregor, wann brauchst Du denn das Schlagzeug, auf dem dann keiner spielt?"

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