In einer alten Malzfabrik im Süden von Berlin spielte sich die Zukunft ab. Die Zukunft der Arbeitswelt zumindest. Im Herbst 2009 hielten die fünf Gründer der Initiative Palomar5 und ein großer Sponsor ein Camp für Kreative aus vielen Ländern und verschiedenen Hintergründen ab. 700 haben sich beworben, 30 von ihnen wurden eingeladen und nahmen an dem Experiment zum ungezwungenen Werken und Vernetzen teil. Sechs Wochen lange arbeiteten sie an ihren Werken, bekamen Besuch von Experten und stellten ihre Projekte am Ende verschiedenen Unternehmen vor. Dabei entstanden viele Konzepte, einige Prototypen und vor allem ein nachhaltiges Beispiel alternativer Unternehmenskultur, das auch so manchen Unternehmer beeindruckt hat.
Was bewegte Euch dazu, ein derart umfangreiches Projekt zu organisieren?
Simon Wind: Mein Bruder und ich nahmen an der Initiative DNA digital teil. Da ging es darum, so genannte Digital Natives mit Managern und Unternehmern zu vernetzen, um Erfahrungen auszutauschen und Einblick in die Arbeitswelten des jeweils anderen zu bekommen. Zunächst haben wir uns online vernetzt, dann gab es auch zwei Open Spaces. Zum ersten kamen nur die „jungen Leute“, beim zweiten waren wir dann gemischt. Jeder trug seine Ideen vor, Leute erklärten, wie sie sich ihren Arbeitsplatz der Zukunft vorstellen. Wir kamen ins Gespräch mit Christoph Schläffer und der war sofort begeistert von unseren Ideen.
Die da wären?
Simon: Wir wollten Innovationen schaffen und dabei helfen, Ideen zu verwirklichen. Ein „Ideenhaus“ gründen, in dem Kreative ungezwungen werken können, aber auch Experten vorbei schauen. Christoph Schläffer fragte uns, was wir brauchen, gab uns ein Büro und den Auftrag, ein Konzept zu erstellen. Das war Ende 2008. Dann haben wir etwa acht Monate an den Vorbereitungen zu Palomar5 gearbeitet. Ganz lange haben wir zum Beispiel für die Schlafgelegenheiten gebraucht. Zuerst dachten wir an einen großen Schlafsaal, aber nachdem unser Camp sechs Wochen dauerte, wollten wir den Teilnehmern schon ihre Privatsphäre gönnen. Wir trafen uns mit Architekten und entwickelten schließlich sechs Quadratmeter große Boxen. Diese Zimmer durfte jeder gestalten, wie er wollte und manche hatten sogar Briefkästen an der Tür.
Verbrachtet Ihr dann diese sechs Wochen alle gemeinsam in der Malzfabrik oder gab es auch Auszeiten, Pausen und freie Tage?
Simon: Wir wollten überhaupt nichts vorgeben, nur bereitstellen. Die Teilnehmer konnten sich alles einteilen, wie sie wollten. Die Verkehrsverbindung waren gut in der Nähe, wir hatten auch Fahrräder auf dem Camp, aber erstaunlicherweise gingen sie viel seltener weg, als wir dachten. Die meisten arbeiteten wirklich konsequent an ihren Projekten. Es gab auch ein Team, die teilten sich in Tag- und Nachtschicht.
Ihr habt Eure Kreativen also in Teams geteilt?
Simon: Ja und jedes Team hatte so seine Pläne und Projekte. Wir führten nach einiger Zeit das Palometer ein. Zu einer bestimmten Uhrzeit stellte jeder seinen Fortschritt vor und erklärte den anderen täglich, woran er bzw, sein Team, an diesem Tag gearbeitet hat.
In dieser freien Atmosphäre geht wahrscheinlich unheimlich viel weiter. Wenn man so ungebunden arbeiten kann, entdeckt man ja oft auch Potentiale an sich, die man vorher nicht kannte.
Simon: Richtig. Wirklich wichtig waren auch nicht die Projekte, sondern die Kultur, die da drin entstand. Kein Unternehmen kann seinen Mitarbeitern eine Kultur vorgeben, die entsteht durch die Gruppe und die Atmosphäre. Wie bei Google zum Beispiel, an deren „freiem Freitag“ entsteht auch der größte Fortschritt. Viele Besucher waren davon beeindruckt und wollten das auch in ihrem Unternehmen haben. Aber man kann diese Kultur nicht auf einen Zettel schreiben und verkaufen oder verschenken.
Diese neue Arbeitsatmosphäre ist also für Euch die größte bleibende Nachwirkung von Palomar5?
Simon: Wir haben schon auch Projekte, die weiter gehen. Ein Team arbeitet immer noch daran, via Satellit gratis Internet für die ganze Welt zu bringen. Sie führen gerade Gespräche mit der NASA. Für die Teilnehmer selbst hat sich natürlich ganz viel verändert. Es ist eine intensive Community geblieben, manche sind sogar umgezogen und manche, die aus dem Ausland kamen, sind in Berlin geblieben! Ich selbst habe auch ganz viel gelernt, das ich in meinen nächsten Projekten sicher sinnvoll umsetzen kann.
Welche Pläne hast Du für die nahe Zukunft?
Simon: Auf jeden Fall ein, zwei solche Camps pro Jahr zu machen, wobei ich sie lieber Expeditionen nenne, denn wir sind keine Hippy Kommune, sondern erforschen und entdecken neue Welten. Bis 2013 möchte ich ein „Haus des Umdenkens“ schaffen. Dort sollen die Expeditionen stattfinden und dazwischen Konferenzen und Artists in Residence Programme.Wir nennen uns jetzt allerdings nicht mehr Palomar5, sondern „until we see new land“.